Nina Patrick

Zuviele Babies

"Warum kommst du nicht ins Bett?" rief Maria.

Sie lag in ihrem kurzen aprikosenfarbenen Seidennachthemd auf dem Bett lächelte und schob dabei ihre Oberlippe hoch, bis man das Zahnfleisch sehen konnte. Er antwortete nicht. Der andere Gregor, der sich nur im Verborgenen äußernde, protestierte und schrie: "Nicht schon wieder, heute Abend bitte nicht."
Er stand im Bad vor dem dreiteiligen Spiegel und starrte sich düster an. Angespannt wartete er auf ihre leisen Schritte, ihre kühle Hand, die seinen Hals entlanggleiten würde, ihre in sein Ohr eindringende Zunge und ihre weichen Haare an seinen Brustwarzen.
Vielleicht schlief sie bereits? Langsam zog er den Pullover über den Kopf, schlüpfte aus den Lederhosen und setzte sich auf den Badewannenrand. Säße er hier bis zum Morgen, gäbe es keine gemeinsame horizontale, vertikale Lust zum Auftakt dieser Nacht. Entschlossen verriegelte er die Tür und bereitete sich aus den verschiedenen Handtüchern ein Lager neben der Badewanne. Er streckte sich auf dem Boden aus, schloß die Augen und öffnete sie wieder. Die Fliesen rochen ein wenig nach feuchtem Moos, seine Finger spazierten träge über die matt schimmernden Steine. Marias Handtuch hing unberührt auf dem Ständer. Diesesmal würde sich ihr Geruch nicht wie eine zweite Haut um seinen Körper hüllen, ihn bedecken können, er hatte sie verbannt. Das erste Mal seit einigen Wochen schlief er entspannt ein.

Er träumte.
Ausgestreckt, mit leicht angewinkelten Armen lag er auf einem verblichenen Parkettboden. Er war nackt. Maria kniete neben seinem Kopf. Sie hielt einen weichen Dachshaarpinsel in der Hand, den sie immer wieder in einen kleinen Topf eintauchte, um eine zähflüssige Farbe auf seiner Haut zu verteilen. Behutsam führte sie den spitz zulaufenden Pinsel in seinen Bauchnabel, füllte das Loch mit der Farbe, tupfte winzige Punkte rings um den Nabel. Er hörte sie durch den Mund atmen.
Ihre Augen waren halb zusammen gekniffen. Wieder und wieder befeuchtete sie den Pinsel und ließ ihn an seinen Lenden und den Schenkelinnenseiten entlang gleiten, umkreiste seine Hoden, betupfte sie sorgfältig, bemalte die empfindliche Haut rings um seinen Penis, führte den Pinsel bis zu seinem Anus, drang in die dunkle Öffnung ein und bewegte ihn spielerisch hin und her. Er stöhnte, wollte nach ihren Händen greifen, sie an sich ziehen. Sie lächelte ihn abweisend an und angelte sich die im Raum schwebenden Federn und strich mit ihnen wieder und wieder über sein Geschlecht. Es war eine zarte leichte Berührung. Sie beugte sich über ihn und lachte. Aufeinmal lagen neben ihm bestimmt fünfzig rosige greinende Babys, die ihn mit blicklosen Augen anstarrten. Er griff nach ihnen, und seine Hand versank in einer weichen warmen Masse.

Er schreckte hoch.
Er hätte es wissen müssen, daß sie ihn bis in den Traum verfolgten. Schweißbedeckt lehnte er sich an den Wannenrand, ließ eiskaltes Wasser über seine Arme rinnen und hielt seinen Kopf direkt unter den Hahn.

Die Zweckmäßigkeit der Natur war ihm von jeher unheimlich gewesen. Kennenlernen, um sich zu Verlieben, zu Lieben, sich zu Begatten - Begatten zu lassen, unvermeidliche Schwangerschaften, Geburten, Mutter-Beschützerinstinkte. Welch ein Triumph über seine Gene, bisher hatte er noch mit keiner Frau ein Embryo gezeugt. Sie waren eben doch nicht wie Tiere, auch wenn sie sich gegenseitig bestiegen, ihre Körperöffnungen einander zuwendeten. Sie waren die Erhabenen, die sich nicht vorführen und einfangen ließen.

Warum nur hatte sich Maria verliebt... in Babys?

Wann war es geschehen?

Plötzlich war ihr Körper nur noch auf Sex zwecks Begattung eingerichtet, keine Situation, die ihr unpassend erschien. "Liebling, es wäre jetzt die ideale Zeit, der Eisprung steht bevor, meinst du nicht wir sollten?"
So hatte sie ihn lüstern im Karstadt-Fahrstuhl angelächelt, die Zungenspitze hatte zwischen den Zähnen durchgelukt, wie eine neugierige Maus. In der Lebensmittelabteilung, sie standen vor einem der karpfengefüllten Aquarien und betrachteten die Fische, die die letzten Stunden ihrer bedauernswerten Existenz stumpfsinnig wartend verschwendeten, hauchte Maria ihm leise Küsse auf seinen Hals.
Einfältig hatte er angenommen, sie würde IHN meinen. Voller Zärtlichkeit hatte er sie von der Seite angesehen, als er plötzlich seinen Irrtum spürte. Er registrierte ihren warmen Atem, das leise Stöhnen und begriff enttäuscht, es galt nicht ihm, sondern dem noch Ungeborenen, daß er jetzt bereits verabscheute. Sie hatte seinen Po nachdrücklich gestreichelt, ohne seine ablehnende Haltung zu bemerken.
Im Grunewald zwischen Hunden, Promenadenmischungen jeglicher Art, schob sie ihre Hand zwischen seine Beine, drängte ihren Körper an seinen. Auch unter Wasser, egal ob in einem See, oder im glasklaren Chlorbecken, griff sie nach seinem Geschlecht.
Entrüstet wollte er sich wehren und scheiterte. Seinem Penis war es anscheinend egal, aus welchen Gründen er befingert wurde, freudig richtete er sich, auch unter Marias lieblosen Fingern auf, die nur mit dem einen Ziel am Werk waren, Sperma zu ergattern, um die endlose Reihe der Menschheit fortzusetzen. Der Samenerguß war ihr erklärtes Ziel. Kam es erstaunlicher Weise doch einmal vor, daß es ihm gelang, sich abzuwenden, bevor sich ihre geschäftigen Finger nähern konnten, verriet ihr Gesicht eine ungläubige Enttäuschung.
Gregor ärgerte sich über das Eigenleben seines Körpers, der nicht gewillt war, ihm zu gehorchen. Er mußte Abschied nehmen von der Vorstellung, die er seit er Maria liebte, in sich barg. Sie wären ein ineinander verschlungener Leib - der sich nicht in die Reihe der Gewöhnlichen, sich Befruchtenden oder gerade Gebärenden einordnet, sondern weit über ihnen schwebt.
Er war verzweifelt, stand auf und knickte sogleich wieder ein, seine Beine waren eingeschlafen. Er hinkte, leise schloß er die Badezimmertür auf, huschte über den Flur Richtung Schllfzimmer. Maria lag auf dem Rücken, sie war nackt, die Decke war auf den Boden gefallen. Er hob sie wieder auf und legte sie vorsichtig über ihren Körper. Er stellte sich vor wie eine endlose Reihe von rosigen Babys aus ihrer Vagina gekrochen käme, eines nach dem anderen. Es schüttelte ihn, ein beängstigender Gedanke. Das Schlafzimmer wäre voller Wiegen und Gitterbettchen, an den Wänden ständen soldatisch aufgereiht Wickelkommoden, Windeln und Reinigungstücher türmten sich auf dem Boden. Im Wohnzimmer läge einBerg Spielzeug, plappernde 'Mama'-Sprechpuppen, weiche Teddys, neben Bällen, überquellende Kaufmannsläden, Puppenwagen mit Plastiknachwuchs,klimpernde Spielzeuguhren, bunte Knetmasse, kahle Schiefertafeln warteten auf Kreidegekritzel. In der Küche stünden riesige Töpfe mit brodelndem Babybrei auf dem Herd, chromblinkende Milchpumpen lägen neben geraspelten Karotten, halb verdeckt von bekleckerten Lätzchen. Im Badezimmer würden die Kinder morgens und abends schubweise geschrubbt und gesalbt. Geräusche wie gurrende Tauben, schmatzende Greise lägen wie ein Fluch über der Wohnung.
Er beugte sich über das Bett, hörte die leisen Atemzüge.
Aber all dies würde nicht geschehen, weil er es zu verhindern wußte. Er legte vorsichtig - wie sich die Katze der Fliege nähert - seine Hände um ihren Hals. Mit seinen Augen streichelte er ihre Haut, liebkoste ihre Brüste, kniete vor ihrem - durch keine Geburt versehrten -Geschlecht, und drückte der Schlafenden die Kehle zu. Sie bäumte sich auf, schlug mit den Armen um sich, warf ihren Kopf hin und her, versuchte etwas zu sagen. Er lösende Stille. Wieviel Zeit vergangen war, vermochte er nicht zu sagen. Schlaff wie nasses Schilf, lag sie auf dem Bett.
Seine Augen hatten sich an den dunklen Raum gewöhnt. Er weinte und streichelte ihr zärtlich über das Gesicht. "Ich wollte nicht soviele Babys", flüsterte er, "so viele nicht."

(Fotokonzept: Claudia Reinhardt, Foto: Ina Wudtke, Model: Claudia Reinhardt)



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