Lebensskizze eines Brückenbauers ©Albert Rindfleisch Vor ein paar Jahren noch war es üblich, daß steinreiche Amerikaner durch Oberbayern liefen, meterweise Burgruinen und schnieke Renaissanceschlößchen kauften, um sie ins Land der leeren Träume zu verschiffen, sie dort in ganzer Pracht, vielleicht mit einem Kabelanschluß, wieder aufzubauen und fortan ihre Barbecueparties in ihnen zu feiern... inzwischen haben die Amerikaner kein Geld mehr, es würde ihnen niemand mehr Schlösser verkaufen, allenfalls Big Mäc und Heringsfilet... die Oberbayern sind mittlerweile alle schwul; Geisterstädte, entvölkerte Landstriche, leere Almen und verlassene Bierzelte als Folge davon gemahnen besserer Zeiten. OH: JA! sie sind vorbei, diese Zeiten. Zum Glück gibt es noch jede Menge Bauerntölpel überall, die gar nicht wissen, daß sie die letzten wichtigen Stützpfeiler einer mehr oder weniger glorreichen Klassengesellschaft sind. Man muß den Begriff BAUERNTÖLPEL natürlich zerlegen; er teilt sich auf in die Worte TÖLPEL und BAUER. Diese beiden Worte haben in ihrer eigentlichen Bedeutung gar nichts miteinander zu tun, eher widersprechen sie sich. Bauern sind sehr intelligente Wesen, in ihren Fähigkeiten ähnlich den Tieren, die sie sich scharenweise halten, den Schweinen. Schweine sind in allen Hinsichten jedem modernen Stadtmenschen überlegen, sie können zum Beispiel ohne Probleme unterscheiden zwischen dem was gut ist für sie und was schlecht, sie können ausversehen einmal den Kot eines ihrer Artgenossen im Essen finden, ohne gleich zu einem Therapeuten rennen zu müssen. \Der Tölpel ist, um sich einmal näher mit ihm zu beschäftigen, Teil eines jeden von uns; niemand will gerne Tölpel sein, das läßt sich ja aber nicht vermeiden, nicht wahr, daß wir alle mehr oder weniger die Gegenwart von Fettnäpfchen suchen --- es kommt nur darauf an, diese stille Sehnsucht mehr oder weniger zu kaschieren, wobei ein gutes Aussehen, gepaart mit geschmackvoller Kleidung hilfreich ist, neben Designmöbeln und gefärbten Haaren\ \\Beobachtet man zu einer bestimmten Zeit Kastanienbäume statt an ihnen vorüberzugehen, sticht die besondere Form ihrer Blätter ins Auge. Weniger lustig, wenn sie schlaff nach unten hängen, was an einer enorm großen Luftfeuchtigkeit liegt: REGENSCHIRM MITNEHMEN! um einen in der Nähe zu haben, den aufzuspannen im Regenfall immerhin den Kopf vor schädlichem Witterungseinfluß bewahrt. Das Wetter ist nicht länger nur Wetter, es ist ein Abenteuer, eine unkalkulierbare Gefahrenquelle --- Kastanien plumpsen ohne jede Warnung unvermittelt von riesenhaften Bäumen und ganz abhängig davon, ob sie ihre Stachelhäuser während des Fluges verlieren, oder durch Menschenhand, wird ihre spätere Wirksamkeit beeinträchtigt. Schweine sind kluge Tiere und essen Kastanien\\ \\\Fische sind ebenfalls intelligente, der christlichen Mythologie verhaftete Fabelwesen, die stummen Zauberer der posthumanen Kulturidentität, sie schwimmen den ganzen Tag daher, schließen Freundschaften, untereinander sowie mit anderem Getier, ob nun Säugetier oder nicht, die Fische machen da keinen Unterschied. Einen von ihnen trage ich ständig in meiner Tasche mit mir herum, er ist wirklich ein guter Kumpel in allen Lebenslagen. Als ich ihn kennenlernte, war ich sieben Jahre alt. In der Schule hänselten mich alle, weil ich mit Fußballergebnissen nichts anfangen konnte; ich pflegte dann zu sagen zwei komma fünf statt fünf zu zwei, das nahmen mir die anderen Jungen sehr übel. Wenn sie mich vertrimmen wollten, sprang mein Fisch dazwischen und machte ihnen anschaulich klar, daß es andere Mittel zur Konfliktlösung gebe und ich mich gar nicht über sie lustig machen wollte, sondern lediglich erstaunlich dumm wäre für mein Alter\\\ \\\\Damals merkte ich, was es bedeutet, Freunde zu haben. Wahre Freunde, meine ich, es sind immer ein oder zwei Blindgänger darunter, das ist ganz normal, die einem mehr schaden als nützen, die einem nach dem Leben trachten und das Lieblingsspielzeug wegnehmen. Neben diesen Menschen gibt es weitere Klassifikationen, denen man seinen Freundeskreis unterzieht... Wenn die Waschfrauen in kleinen Grüppchen an die Flußufer zogen und der Wind das Klatschen der nassen Wäsche auf den großen Felsbrocken in die Stadt trug, mußte ich immer an nackte Kinderpopos denken, ihr gurrendes Lachen, ihr Suppenschlürfen, ihr Schmatzen beim Verschlingen des Karottenbreis, wie sie manchmal auf Frankfurter Hochhäusern stehen, ihre Blicke sehnsuchtsvoll in die Ferne gerichtet, bis die Sonne den Horizont, den es auch in diesen Teilen des Landes vereinzelt gibt, in ein schimmerndes Farbenspektakel verwandelte. In solchen Situationen habe ich meine Freunde nie vermißt, im Gegenteil, ich kann sie am besten nur mit mir teilen\\\\ #Mein dreijähriger Sohn kommt ganz nach seinem Vater. Von morgens bis abends predige ich ihm von den Vorteilen der Konzeptlosigkeit, die, wenn sie mit Humor betrieben wird, ihre eigene Dynamik entwickelt. Sie hat eine unvergleichliche magische Kraft: Immer wenn es ernst wird, ergreift sie das Wort, sie führt aus den unangenehmsten Situationen heraus, sie ist wie ein Blindenhund für Amateurblinde. Mein Sohn gibt oft Laute von sich, die DüDELDüDEL und BEBEBEBEEE zum Verwechseln ähnlich klingen. Von seinem Ersparten hat er sich ein kleines Elektroauto gekeuft mit dem er fährt wie eine hungrige Fliege, die auf einer verfaulten Birne auf- und abspaziert. So ein Ding habe ich einmal gegessen, es war nicht so schlecht, wesentlich süßer als eine frische Supermarktbirne. In dieser Hinsicht machens die Kirschbäume richtig; sie sind nur schön, wenn sie blühen. Werden die Blüten durch Früchte ersetzt, sind sie unausstehlich häßlich. Viele Menschen, meistens sind auch Bauern darunter, kommen mit roten PLastikeimern, sammeln alle Kirschen ein, die zu Saft, Likör, Marmelade und Kuchen verarbeitet werden. Sauerkirschen mögen nicht jedermann schmecken, doch haben sie mehr Stil als ihre süßen Kollegen. Jemand, der offen und freizügig Süßkirschen vertilgt, offenbart sich unaufgefordert, zählt also zu den Trotteln... Ludwig, Kaiser von Bayern, hat sehr gern süße Kirschen gegessen, was aber nichts heißen muß# ##Ulla ißt mit Vorliebe Dänische Kohlrouladen, die einen zehnprozentigen Anteil von Muskatnuß haben sollten. Wenn sie kocht, kocht sie Dänische Kohlrouladen, und sie kocht sie gut. Niemals zuvor hat sie jemand dermaßen gut gekocht. Ulla spricht den ganzen Tag von nichts anderem. Nach den ersten fünf Tagen unserer nunmehr vierjährigen Beziehung begann mich das zu stören. Aus diesem Grund machte ich mir eine linkische Zurückhaltung zueigen, ich war ja noch sehr verliebt, was jeden Moment auch hätte ins Gegenteil umkippen können. Ständig fuhr ich mir durch die Haare, spielte verlegen mit meinen Lippen, meiner Nase und meinen Eiern herum: kleine originelle motorische Störungen, die mich in ihren Augen nur noch liebenswerter machten. Ich glaube, ich war damals noch sehr naiv, fast kindlich stocherte ich mit den Zähnen knirschend in ihren Kohlrouladen, von denen ich nicht wußte, warum sie dänisch waren, mit soviel Muskatnuß innendrin. Trotzdem schmecken sie ausgezeichnet - ich will gar nichts anderes mehr essen. Unser Sohn hat leider keine große Freude daran, ist aber so taktvoll, zu tun, als ob, während er geschickt häppchenweise Roulade unter den Tisch gleiten läßt, derer ihn dann mein Fisch entledigt, der nicht mit an den Tisch darf, weil Ulla das nicht zuläßt## ###Kaffee zu trinken ist keine große Kunst, auch wenn die Italiener uns das immer einzureden versuchen, weil sie nichts von Kunst verstehen. Meiner Meinung nach müßte Kaffee eine andere Farbe haben, am besten ein helles Blau, dann würde er nicht mehr so auffallen in meiner hellblauen Thermoskanne, wenn ich auf der Arbeit bin. Ich bin Brückenbauer in Oberbayern und habe dort sehr viele Anhänger, die meine verschnörkelten Stützpfeiler zu schätzen wissen. Zu meinen Spezialitäten gehört es auch, Hängebrücken aus echten Urwaldlianen zu machen, was sich allerdings nur eine elitäre Oberschicht von Brückenliebhabern leisten kann. Das ist schade. Umso mehr, da Hängebrücken zu den ästhetischsten Reliquien indianischer Handfertigkeit zählen. Wütend könnte ich werden, mit was für einer Gleichgültigkeit einige Touristen über meine Hängebrücken stampfen. Stehe ich dann nicht gerade auf der Brücke, hoffe ich, sie würde nachgeben und die Touristen der kurzen Schwerelosigkeit des freien Falls anvertrauen. Ein hoffnungsloser Wunsch, zugegeben: MEINE Brücken halten ewig. Die eine oder andere von ihnen dient dem Tragen von Eisenbahnen, jenen Ungetümen des technisierten Massentransportes. Die Deutsche Bundesbahn hat in den letzten Tagen einen neuen Zug erfunden, der schneller fährt als alle anderen. Wer in ihm sitzt, bemerkt seine Anwesenheit absolut nicht, so leise und geräumig ist er. Die Türen haben spezielle Sicherheitsschlösser, die Passagiere sollen nicht erst auf die Idee kommen, während der Fahrt einen kleinen Waldspaziergang zu unternehmen, auf dem sie dann vergessen könnten zurückzukehren in diese vollklimatisierte Menschenschleuder, in der es nur Erstaklasseabteile gibt### ####Kontrollierte Vergnügungssucht, gepaart mit Skandinavistik- oder Slawistikstudenten ist eine zweifelhafte Mischung, die nur Ärger macht. Man sitzt gelassen in einem durchschnittlichen Cafe, kippelt ein bißchen auf seinem Stuhl und blickt auf die raße. Wo es in der Helligkeit regelbares Licht gibt, was nicht selten vorkommt, entstehen leicht kleine Eifersüchteleien und tiefverletzende Enttäuschungen... darüber sagt die Skandinavistik nichts aus, sie ist eine durch und durch sinnlose Wissenschaft. Allein dazu geschaffen, einer Handvoll Heimatlosen ein neues terminologisches Zuhause zu geben, um sich besser aus dem aktuellen Geschehen heraushalten zu können. Du sitzt nichtsahnend da, dich fragend, warum korrektes Verhalten eigentlich so schwierig ist, da fällt dir der Löffel aus der Hand. Du versuchst ihn aufzuheben und kippst dabei den ganzen Tisch um. So sind eben die Slawisten und es ist ihnen nicht einmal unwohl dabei, naja. Im Gegenzug ist es sehr erfrischend, daß Unterführungen, besonders Fußgängertunnels nicht mehr so betongrau sind wie früher, in ihnen blüht jetzt das Leben, seltene Pflanzen und Liebespäärchen. Im rechten Licht bekommt alles eine andere Farbe, die kleinen Mädchen wissen das zu schätzen#### Selbst die Aufzüge werden schneller und schneller. Wenn die Seile reißen, verkeilen sie sich in ihren Führungsschienen - es passiert nichts. Absolute Unfallfreiheit, weichmachende Unterhaltungsmusik säuselt aus ihren Kabinen, wohl dem, der einen Fahrstuhl ohne Lautsprecher hat, auf die Dauer sehr nervtötend. Hoppla, sage ich da, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.