Distanz in den Mai ©Albert Rindfleisch Meine kleine Lollita, Lollita, meine Kleine. Keinen Satz werde ich Dir an die Liebe verschwenden. Nicht einen, nicht zwei, nicht. Dein Fallobst hat mich traurig gemacht, traurig klebt mir die Zunge am Gaumen. Lollita, Dein drolliges kleines Sommerkleid, das gelb Geblümte, es war so häßlich, so so ohne jeden Geschmack. Aber jetzt, wo Du weg, nicht mehr da bist... In Riva, im Kurbad, am Gardasee, meine Zirrhose bin ich immer noch nicht los. Wird man so etwas eigentlich und überhaupt jemals los, frage ich mich, glaub ich nicht, nicht. Nein, ich glaubs nicht. Wozu wird man in Kur geschickt, wenns eh keine Heilung verspricht; als Trostpflaster; das Leid, der Schmerz wird mit Trost gepflastert bis beide ersticken. Kissen drüber! Woher hätte meine Assekuranz wissen sollen, daß ich Dich dort treffen würde. Das hätten sie gar nicht wissen können! Kann doch auch sein, daß sies gewußt haben, daß Du bei derselben Assekuranz assekuriert gewesen warst, damals! Kann doch sein, daß das alles geschickt eingefädelt war, ein mieser, schäbiger kleiner Trick... allein schon die Silben Drei bis Fünf: as se KU RIE REN: sagt ja, daß die mehr wollen als einen nur versichern. Kurieren wollen die einen und das auf Teufel komm raus möglichst schnell, um nicht allzuviel Geld loszuwerden. Nur, meine Zirrhose bin ich immer noch nicht los und glaub auch nicht dran: nicht! Nicht wahr, Lollita, meine Kleine, Du hast den ärger nicht mit Dir herumgetragen die ganze Zeit, bist wieder das sanfte Reh, nicht, oder? Oder nicht. Noch heute trage ich Deinen Fußabdruck auf meiner Wange. Ich erinnere mich genau daran, daß Deine Wangen immer gerötet waren. Ob von Scham, von Freude, es könnte auch die hohe Konzentration von Sauerstoff gewesen sein in der Luft von Riva am Gardasee. Oder haben Dich gar die Dinge, die wir miteinander getrieben, die Spiele die wir gespielt haben... da käme dann gleich dreierlei zusammen: die Freude, die Hyperventilation und die Scham. Vor allem die Scham. Du hast eine leichte Abneigung gegen mich in Dir, hast Du sie noch, obwohl Du mich immer anziehend gefunden hast. Trotz meiner Zirrhose, trotz meiner flegeligen Manieren und fehlender Etikette. Lollita, wie wir mit den Füßen bei Ebbe bis zu den Knöcheln durch den Gardasee wateten, ich hatte meine Hosenbeine aufgekrempelt, das brauchtest Du mit dem Gelbgeblümten nicht, das geschmacklos war aber doch niedlich, andererseits. Du wußtest immer so gut elegant zu sein, bei allem was Du für niedliche Geschmacklosigkeiten übrig hattest. Ich sehe Dich jetzt, wie Du es trägst, das kleine Gelbe. Dabei erregt es sich in mir und ich lache es heraus. Lachen reinigt, ärgern ist Energieverschwendung. Lollita, Du ärgerst Dich nicht mehr, oder? Lollita, das Klima stieg und es wurde wärmer; Lollita, Dein Kleid wurde kleiner und der Atem kürzer. Ich habe Seesterne geschwitzt bei der brüllenden Affenhitze und das Wachstum Deiner Beine beobachtet, sie wuchsen rasch wie schlingender Knöterich. Im Sanatorium gab es allerhand Leckereien und Wassertreten, wir haben uns bei allem an der Hand gehalten und es gemeinsam herausgelacht; das Wachsen Deiner Beine, die Schamesröte. Bis tief in die Nacht hinein haben wir im Fernsehraum nach Haaren gesucht, wir suchten sie mit Fingern in unseren Mündern. Mich würde doch mal interessieren, warum Du immer so dabei gekreischt hast. Du kreischtest wie besessen, wenn Du statt eines Haares eine tot von der Wand heruntergefallene Fliege fandest. Zum Spaß hast Du mich bis zum Hals in das Ufer gegraben, es wurde wärmer zu der Zeit, der Ufersand war kalt und feucht. Du hast über mir gestanden und mir mit Deinen Füßen die Haare gestreichelt und hattest keinen Schlüpfer an. Der Ufersand war kalt und feucht, ich hätte Dich auch gern dort eingegraben, bis zum Bauch, denn Du hattest keinen Schlüpfer an und der kalte Sand hätte Dir gutgetan. Der Gardasee hat Deinem Klumpfuß gutgetan, Deine Fesseln wurden schmäler, fast normal. Davon abgesehen, ich denke nicht sehr gern daran, habe ich von Deinem Aussehen nicht mehr viel im Kopf. Davon abgesehen, daß ich mich sehr genau an braune Augen, fast schwarz, ein paar Locken, Deine kleine Zunge, Deinen hohlen Kuß und den Geschmack desselben erinnere. Deine Haut war weich wie Milch; ich denke nicht sehr gern daran, denn da bist Du nicht die einzige. Wenn man daran denkt, an wieviel man sich erinnern kann, ohne sich an das geringste zu erinnern, bleibt einem die Luft weg. Kissen drüber! Ich habe gespürt, daß Du eine leichte Abneigung gegen mich hegtest, fast ein bißchen Angst. Du wolltest nichts davon wissen, weil Du mich trotzdem anziehend gefunden hast. Ich aber habe es gespürt, so etwas vergißt man nicht so leicht, so ein Gedanke stiehlt sich davon auf leisen Sohlen und wartet auf einen passenden Moment um sich einem ins Gesicht zu schlagen. Eine Gitarre ist keine Geige, das waren Deine geflügelten Worte, Dein Lieblingssatz; so ein Spruch. Das habe ich, ehrlich gesagt, obwohls mir schwerfällt das einzugestehen, nie richtig verstanden, obwohl ich dazu immer mit dem Kopf genickt oder auf einem anderen Wege meine Zustimmung kundgetan habe. Ich tat nur so. Es hat damals ein paar Transportprobleme gegeben, aber die Achse brach nie, sie ist nie gebrochen, niemals. Damals; so viel Zeit ist nun wieder nicht vergangen, daß man von damals reden könnte. Ich täte gern Deinen Bauchnabel ausschnittvergrößern. Du hast immer ziemlich viel geraucht, rauchst Du noch, wie eine Kerze, meine liebe kleine Kerze mit dem drollig gelb Geblümten. Ausgereift, lieblich. Reif und weich. Lollita, eine Kathedrale schaut mir mit ihrer Schattenseite ins Gesicht. Es wurde Mai und warm und die Fliegen fielen tot von der Wand. Dein Auto war ein Drahtgestell mit kleinsten Rädern, wie ein Mobile so leicht, ein echtes Automobil. In Riva waren die Straßen rissig, überall Löcher und Rinnen, irgendwann blieben wir liegen, wir wollten picknicken. Am Gardasee. Du wußtest immer so gut Deine Innerlichkeit zu wahren, bei allem was die Natur an Feindseligkeiten für Dich übrig gehabt hat. So etwas wie das mit dem Wagen, das konnte Dich nicht aus der Ruhe bringen. Und bei alledem warst Du immer so ganz Duselbst. Ich legte Dir meine Hand zwischen die Beine und Du preßtest Dich dagegen, dann sind wir hinuntergegangen in den Fernsehraum um, zum Erstaunen der anderen Assekurierten, nach Haaren zu suchen. Sie respektierten das, auch wenn sie es nicht ganz oder vollständig glauben konnten. Einmal hätte ich Dich fast ausversehen erstickt dabei, du nahmst es mit Humor und lachtest es heraus. Mädchen wie Du sind zurückhaltend Männern wie mir gegenüber, die sie anziehen wenn auch abstoßen. Später hast Du Dich mir doch geöffnet, ganz und gar, hast Du es gemerkt, nicht, Du hasts nicht gemerkt... wie hättest Dus auch merken sollen, hast ja die ganze Zeit an Fliegen gedacht, die tot von der Wand hätten fallen können. Von meiner Idee, die Assekuranz hätte das alles inszeniert haben können; wäre möglicherweise die Urheberin all dessen gewesen, bin ich nie ganz abgekommen, sogar jetzt erwäge ich es noch. Die hatten doch Einblick in unsere Krankengeschichten, sämtliche persönliche Daten, aus Datenschutz machen die sich nicht viel; mußten dann nur noch eines zum anderen zählen und schon wußten sie, daß wenn ich und Du, wir zur gleichen Zeit in Riva am Gardasee... daß da etwas passieren müßte und in welche ungefähre Richtung sich die Ereignisse wenden würden, das konnte nicht schwer sein für die Assekuranz, nicht schwerer als eines zum anderen zählen. Deinen Bauchnabel habe ich am meisten gemocht; ich täte ihn gern ausschneiden und vergrößern. Wenn das alles nun ein Hinterhalt war, ein Trick, ein mieser, eine Attrappe; ein kleines potemkinsches Dorf. Was dann? Sollte man annehmen, daß sie gar nicht interessiert waren an mir und meiner Zirrhose, nur am Verlauf ihres Experimentes? Wer war der Köder, ich oder Du, gab es überhaupt einen, ist das alles nicht vielmehr Produkt einer krankhaft paranoiden Phantasie... ein wenig wenig Paranoia ist nie krankhaft, sondern stattdessen gesund. Heute hängen alle Türen schief, das war noch so ein Spruch von Dir; manchmal begannst Du ein Gespräch zur Einleitung mit dem Satz: Es begab sich zu einer lang vergangenen Zeit, HEUTE genannt. Das habe ich ehrlich gesagt nie ganz verstanden, es machte mich immer etwas mißtrauisch, wenn Du so etwas sagtest. Oft drücktest Du Dich verquer aus. Das machte mich mißtrauisch, aber ich habe es auch geliebt an Dir. Jetzt wo Du weg, nicht mehr da bist, liebe ich es nur noch. Alles Mißtrauen ist fort. Die Narbe an meinem Kinn ist geblieben, alle anderen Wunden sind verheilt. Regen brach herein und Du lachtest es heraus. Deine Kleider in Fetzen, mein Mund blutig und Du lachtest es heraus. Warst ganz Duselbst. Sogar ich war ganz Duselbst. Lollita, ich küße Deine Lippen und umarme Deine Innerlichkeit. Regen brach herein und gemeinsam badeten wir im erdigen Schlamm, warfen uns dicke Klumpen schlammiger Erde, bewarfen uns damit und lachten es heraus. Du schlangst Deine wachsenden Beine um meinen Hals der wuchs wie schlingender Knöterich; gurrend und kichernd. Im Sanatorium wars dunkel und still, sie hatten die Lichter gelöscht, niemand sprach mehr, alles schlief. Nur der Assekurant behielt uns im Auge, oder einer seiner Observatoren. Mein Hals wuchs in Dich hinein, symbiotische Konvaleszenz, und ich verschlang Deinen Knöterich. Du gurrtest obwohl ich Dich abstieß, Deine Haut wie mit Margarine eingecremt, ich biß in Deinen konvaleszierenden Klumpfuß und flüstertest eine Gitarre ist keine Geige in mein Ohr. Lollita, ich küße Deine Innerlichkeit und umarme Deine Lippen. Das zweite Kellergeschoß des Sanatoriums hatte einen von unten beleuchteten Swimmingpool, wo wir uns aufhielten wenn wir vorerst genug hatten vom Haaresuchen im Fernsehraum. Wie geträumt sah es aus. Du schwammst unbekleidet nackt im von unten beleuchteten Wasser und hattest keinen Schlüpfer an. Du tauchtest unter und kamst manchmal erst nach geschlagenen fünfzehn Minuten wieder an die Oberfläche, was ich sehr bewunderte. Mir brannte das Chlorwasser in den Augen, ich mußte mit dem Kopf über Wasser bleiben. Sonst sah ich nichts mehr und drohte zu ertrinken. Oft bist Du getaucht und hast Dich von unten, beleuchtet, an meinen Knöterich herangemacht. Unter Wasser klang Dein Lachen wie das Gurgeln ersterbenden Lebens. Meine Reflexe traten Dir, von unten beleuchtet, ins Gesicht. Es wurde wärmer und maiiger, die Transportprobleme schwanden dahin. Daran, daß wir uns nur selten einmal unterhielten änderte sich nichts; es wurde nicht vermißt und schließlich waren wir versichert. Wir versicherten uns unseres Vertrauens; es wurde nicht vermißt, meine Zirrhose habe ich immer noch, Deinen Fußabdruck trage ich im Gesicht, nicht ohne Stolz, nicht, Lollita, nicht wahr meine Kleine, bist nicht mehr ärgerlich, wieder ganz das sanfte Reh, hast Scham und Schmerz verschlungen, hinuntergeschluckt, meine Zirrhose werde ich wohl nie los, und beim Gedanken, im Angedenken Deines Klumpfußes erregt es sich in mir.