707 ©Albert Rindfleisch Herr Korber starrte in den vollen Aschenbecher und nahm einen Schluck von der Milch, die schon ganz schlierig war. Seine Augen waren schön und braun, die beiden einzigen Oasen der Lebensfreude und Unverbrauchtheit auf seinem schlaffen Wüstenkörper. Herr Korber starrte in den vollen Aschenbecher und steckte den Zeigefinger seiner rechten Hand in das Honigglas. Er machte langsam den Mund auf, die schmalen Lippen trennten sich, weiße Fäden ziehend. "Angenehm", sagte er, "Korber". Es gelang ihm dabei nicht, seine feuchte Aussprache zu verbergen, auch hatte er noch ein kleines etwas Milch im Mund gehabt, das er nun über den Tisch verteilte. Hinter ihm, irgendwo in den Tiefen seiner Behausung schaltete sich ein Radiowecker ein. Er nahm den Finger aus dem Honig und steckte ihn in den Mund. Dabei stieß er versehentlich die Milchflasche um. Ihr weißer, leicht säuerlich riechender Inhalt ergoß sich über den Aschenbecher. Herr Korber ging in sich. Er versuchte sich zu erinnern, ob die Frau, die ihm gegenübersaß, für ihn ein bekanntes Gesicht sein sollte. Sie war vor einer halben Stunde hereingekommen, hatte sich ihm vis-a-vis auf einen leeren Stuhl gesetzt und blickte ihn seitdem unverwandt an. In ihrem Blick lag etwas unglaublich Leeres. Was sollte das, was wollte sie, nicht einmal geklopft hatte sie beim Hereinkommen. Vielleicht war es eine neue Nachbarin, die sich vorstellen wollte. Er versuchte, das Problem wissenschaftlich zu lösen, sich ihm empirisch zu nähern. Die Milch in dem Aschenbecher nahm inzwischen die Braunfärbung eines Milchkaffees an. Das eigenartige war, daß Herr Korber sich nicht im geringsten belästigt fühlte. Er hatte nicht das Gefühl, daß sie ihn beobachtete. Vielmehr schien ihr Blick kurz nach dem Heraustreten aus der Netzhaut einfach herunterzufallen. Auf den Boden und ihre Kleider. So konnte er sich erklären, warum sie sich alle paar Minuten mit einer Geste, als wische sie Asche weg, über die Beine strich. Aus dem Plastikradio plärrte ein entstellter, mechanisch klingender Bartok. Herr Korber begann, mit seinem Finger zwischen den Zähnen alte Speisereste und Zahnbelag hervorzupuhlen. Ein eindeutiges Zeichen für die erhöhte Tätigkeit seines Gehirnes. Die Frau saß immer noch so da. Ihr linkes Augenlid begann zu zucken, so plötzlich, daß Herr Korber unwillkürlich leicht zusammenfuhr, den Finger aus dem Mund nahm und ihn verschämt in einer Serviette verbarg. Er lief rot an. Von der Küchenvitrine fiel ein Beil, das aus dem Gleichgewicht geraten war. Das lenkte ihn ab, für eine Weile. Was für ein wirklich außergewöhnlicher Tag, dies mußte der Anfang einer neuen Episode in der Geschichte seines Lebens sein. Diese Dame dort, wer mochte sie nur zu ihm geschickt haben, oder war sie aus eigenem Antrieb zu ihm gekommen. Konnte es sein, sie war gar nicht zu ihm gekommen, nicht wegen seiner Person, sondern wegen etwas, das mit ihm in Verbindung stand. Er sah wieder zu ihr hinüber. Das linke Augenlid in ihrem Gesicht zuckte in einem Fort weiter. Oberflächlich betrachtet war sie nicht besonders gutaussehend; nicht, daß Herr Korber Wert auf Äußerlichkeiten legte, doch mußte er feststellen, daß sie ihm gar nicht aufgefallen wäre, hätte sie sich nicht so unübersehbar in sein Blickfeld gesetzt. Und ihr Augenlid nicht so aufdringlich zucken würde. Er beschloß, erneut etwas zu sagen. "Entschuldigen Sie, aber würden Sie bitte aufhören, mit Ihrem Augenlid zu zucken." Nach diesem Satz folgte ein peinliches Schweigen. Wie hatte er nur so etwas törichtes sagen können. Er biß sich auf die Zunge. Vor kurzer Zeit war er froh gewesen, daß ihm diese Frau da scheinbar nichts abverlangen wollte, nichts von ihm forderte und jetzt diskutierte er beinah schon mit ihr. Sie hingegen reagierte überhaupt nicht. Das Lid zuckte weiter. Herr Korber hatte das Gefühl, irgendetwas sei ihm entgangen. Seine scharfen Augen suchten jeden Quadratzentimeter ihres Gesichtes ab, in der Hoffnung, auf etwas zu stoßen, was er bisher nicht bemerkt hatte. Es waren die Nasenflügel. Sie bebten. Wie die Nüstern eines von langem Galopp angestrengten Pferdes. Haha, würde nur noch fehlen, daß sie jetzt mit ihren Ohren wackelt, dachte er. Sein Schatten war länger geworden. Auf dem Tisch. Das Sonnenlicht hatte sich rötlich eingefärbt, wie immer um diese Uhrzeit dämmerte der Abend zum Fenster hinein. Die ausgegossene Milch erreichte die Tischkante und troff herunter. Plitsch. Herr Korber dachte an das, was er alles erreicht hatte. Platsch. In seinem Leben. Abteilungsleiter der Kaufhof-Filliale Travemünde. In diesem Augenblick war er glücklich, die Regelmäßigkeit des Geräusches, das die Milchtropfen auf den Fliesen machten hatte etwas sehr beruhigendes. Er nahm die Hand aus der Serviette und griff sich die Fernbedienung des Fernsehapparates. Es konnte nichts schaden, in Erfahrung zu bringen, was so in der Welt draußen vor sich ging. Auf dem Bildschirm erschien eine Frau. Es war die gleiche, die ihm gegenübersaß. Beinahe. Die Doppelgängerin auf der Mattscheibe hatte ein vollkommen unbewegtes Gesicht. Man sah nur ihren Oberkörper, der unbekleidet war. Auch die runden Brüste hingen regungslos da. Die Frau im Fernsehen schien nicht zu atmen. Sie sah ihn an. Ihm direkt in die Augen. Rechts und links von ihr standen Felsmauern, über ihrem Kopf war freier, blauer Himmel. Herr Korber befeuchtete sich die Lippen. In dem Blick der Frau lag etwas sehr obszönes. Nicht unbedingt etwas unanständiges. Ihr Blick war wie eine unerwünschte Berührung. Vorsichtig spähte er zu der Dame am anderen Tischende rüber, nur um festzustellen, daß sie noch da war. Es war alles unverändert. Langsam wurde es zuviel. Er hob seinen Kopf gegen den Himmel. Eine Petroleumlampe hing ihm entgegen; er mußte sich über seine Situation klar werden, die ihn zu überfordern drohte. Ein lautes Brummen riß ihn aus der Grübelei. Im Fernsehgerät war hoch oben in der Luft ein großes Flugzeug zu sehen, mit zwei Propellern an jeder Tragfläche. Gemächlich schob es sich über die Horizontale bis das Brummen leiser wurde und die Maschine hinter der einen Mauer verschwand. "Guten Tag, mein Herr", sagte die Fernsehfrau ohne dabei ihren Mund zu bewegen, "wir freuen uns, Sie hier an Bord begrüßen zu dürfen. Der Januar hat einunddreißig Tage, wir werden auf den Montagen zwischenlanden, Verpflegung und Treibstoff aufnehmen, bis wir etwa Anfang Februar unser Ziel erreichen. Es ist unser Bestreben, Ihnen den Flug, der Sie einiges kosten wird, so angenehm wie möglich zu gestalten. Bitte wenden Sie sich an unsere Stewardess, wenn Sie mit irgendetwas unzufrieden sein sollten. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit." Sie wandte ihre Augen von Herrn Korber ab, sah ihr Duplikat an und verschwand. Der Fernseher zeigte nun eine fruchtbare Landschaft aus der Vogelperspektive, man hätte fast glauben können, es handele sich dabei um ein Flugzeugfenster. Die Perspektive war perfekt in ihrer Räumlichkeit. Eine frische Brise kam auf. Wie befremdlich, dachte Herr Korber, ich habe keinen Flug gebucht, ich kann mich nicht daran erinnern. Er drehte seinen Kopf wieder zu der Frau am Tisch. Das Zucken hatte aufgehört. Sie sah ihn an und lächelte breit. Herr Korber begann, sich auf ein langes Verweilen einzustellen.