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©Albert Rindfleisch

Herr Korber starrte in den vollen Aschenbecher und nahm einen 
Schluck von der Milch, die schon ganz schlierig war. Seine Augen 
waren schön und braun, die beiden einzigen Oasen der Lebensfreude 
und Unverbrauchtheit auf seinem schlaffen Wüstenkörper.
Herr Korber starrte in den vollen Aschenbecher und steckte den 
Zeigefinger seiner rechten Hand in das Honigglas. Er machte 
langsam den Mund auf, die schmalen Lippen trennten sich, weiße 
Fäden ziehend. "Angenehm", sagte er, "Korber". Es gelang ihm 
dabei nicht, seine feuchte Aussprache zu verbergen, auch hatte er 
noch ein kleines etwas Milch im Mund gehabt, das er nun über den 
Tisch verteilte. Hinter ihm, irgendwo in den Tiefen seiner 
Behausung schaltete sich ein Radiowecker ein. Er nahm den Finger 
aus dem Honig und steckte ihn in den Mund. Dabei stieß er 
versehentlich die Milchflasche um. Ihr weißer, leicht säuerlich 
riechender Inhalt ergoß sich über den Aschenbecher.
Herr Korber ging in sich. Er versuchte sich zu erinnern, ob die 
Frau, die ihm gegenübersaß, für ihn ein bekanntes Gesicht sein 
sollte. Sie war vor einer halben Stunde hereingekommen, hatte 
sich ihm vis-a-vis auf einen leeren Stuhl gesetzt und blickte ihn 
seitdem unverwandt an. In ihrem Blick lag etwas unglaublich 
Leeres. 
Was sollte das, was wollte sie, nicht einmal geklopft hatte sie 
beim Hereinkommen. Vielleicht war es eine neue Nachbarin, die 
sich vorstellen wollte. Er versuchte, das Problem 
wissenschaftlich zu lösen, sich ihm empirisch zu nähern.
Die Milch in dem Aschenbecher nahm inzwischen die Braunfärbung 
eines Milchkaffees an. Das eigenartige war, daß Herr Korber sich 
nicht im geringsten belästigt fühlte. Er hatte nicht das Gefühl, 
daß sie ihn beobachtete. Vielmehr schien ihr Blick kurz nach dem 
Heraustreten aus der Netzhaut einfach herunterzufallen. Auf den 
Boden und ihre Kleider. So konnte er sich erklären, warum sie 
sich alle paar Minuten mit einer Geste, als wische sie Asche weg, 
über die Beine strich. Aus dem Plastikradio plärrte ein 
entstellter, mechanisch klingender Bartok. 
Herr Korber begann, mit seinem Finger zwischen den Zähnen alte 
Speisereste und Zahnbelag hervorzupuhlen. Ein eindeutiges Zeichen 
für die erhöhte Tätigkeit seines Gehirnes. Die Frau saß immer 
noch so da. Ihr linkes Augenlid begann zu zucken, so plötzlich, 
daß Herr Korber unwillkürlich leicht zusammenfuhr, den Finger aus 
dem Mund nahm und ihn verschämt in einer Serviette verbarg. Er 
lief rot an. Von der Küchenvitrine fiel ein Beil, das aus dem 
Gleichgewicht geraten war. Das lenkte ihn ab, für eine Weile. Was 
für ein wirklich außergewöhnlicher Tag, dies mußte der Anfang 
einer neuen Episode in der Geschichte seines Lebens sein. Diese 
Dame dort, wer mochte sie nur zu ihm geschickt haben, oder war 
sie aus eigenem Antrieb zu ihm gekommen. Konnte es sein, sie war 
gar nicht zu ihm gekommen, nicht wegen seiner Person, sondern 
wegen etwas, das mit ihm in Verbindung stand. Er sah wieder zu 
ihr hinüber.
Das linke Augenlid in ihrem Gesicht zuckte in einem Fort weiter. 
Oberflächlich betrachtet war sie nicht besonders gutaussehend; 
nicht, daß Herr Korber Wert auf Äußerlichkeiten legte, doch mußte 
er feststellen, daß sie ihm gar nicht aufgefallen wäre, hätte sie 
sich nicht so unübersehbar in sein Blickfeld gesetzt. Und ihr 
Augenlid nicht so aufdringlich zucken würde. Er beschloß, erneut 
etwas zu sagen. "Entschuldigen Sie, aber würden Sie bitte 
aufhören, mit Ihrem Augenlid zu zucken." Nach diesem Satz folgte 
ein peinliches Schweigen. Wie hatte er nur so etwas törichtes 
sagen können. Er biß sich auf die Zunge. Vor kurzer Zeit war er 
froh gewesen, daß ihm diese Frau da scheinbar nichts abverlangen 
wollte, nichts von ihm forderte und jetzt diskutierte er beinah 
schon mit ihr. Sie hingegen reagierte überhaupt nicht. Das Lid 
zuckte weiter. 
Herr Korber hatte das Gefühl, irgendetwas sei ihm entgangen. 
Seine scharfen Augen suchten jeden Quadratzentimeter ihres 
Gesichtes ab, in der Hoffnung, auf etwas zu stoßen, was er bisher 
nicht bemerkt hatte. Es waren die Nasenflügel. Sie bebten. Wie 
die Nüstern eines von langem Galopp angestrengten Pferdes. Haha, 
würde nur noch fehlen, daß sie jetzt mit ihren Ohren wackelt, 
dachte er.
Sein Schatten war länger geworden. Auf dem Tisch. Das Sonnenlicht 
hatte sich rötlich eingefärbt, wie immer um diese Uhrzeit 
dämmerte der Abend zum Fenster hinein. Die ausgegossene Milch 
erreichte die Tischkante und troff herunter. Plitsch. Herr Korber 
dachte an das, was er alles erreicht hatte. Platsch. In seinem 
Leben. Abteilungsleiter der Kaufhof-Filliale Travemünde. In 
diesem Augenblick war er glücklich, die Regelmäßigkeit des 
Geräusches, das die Milchtropfen auf den Fliesen machten hatte 
etwas sehr beruhigendes.
Er nahm die Hand aus der Serviette und griff sich die 
Fernbedienung des Fernsehapparates. Es konnte nichts schaden, in 
Erfahrung zu bringen, was so in der Welt draußen vor sich ging. 
Auf dem Bildschirm erschien eine Frau. Es war die gleiche, die 
ihm gegenübersaß. Beinahe. Die Doppelgängerin auf der Mattscheibe 
hatte ein vollkommen unbewegtes Gesicht. Man sah nur ihren 
Oberkörper, der unbekleidet war. Auch die runden Brüste hingen 
regungslos da. Die Frau im Fernsehen schien nicht zu atmen.
Sie sah ihn an. Ihm direkt in die Augen. Rechts und links von ihr 
standen Felsmauern, über ihrem Kopf war freier, blauer Himmel. 
Herr Korber befeuchtete sich die Lippen. In dem Blick der Frau 
lag etwas sehr obszönes. Nicht unbedingt etwas unanständiges. Ihr 
Blick war wie eine unerwünschte Berührung. Vorsichtig spähte er 
zu der Dame am anderen Tischende rüber, nur um festzustellen, daß 
sie noch da war. Es war alles unverändert.
Langsam wurde es zuviel. Er hob seinen Kopf gegen den Himmel. 
Eine Petroleumlampe hing ihm entgegen; er mußte sich über seine 
Situation klar werden, die ihn zu überfordern drohte.
Ein lautes Brummen riß ihn aus der Grübelei. Im Fernsehgerät war 
hoch oben in der Luft ein großes Flugzeug zu sehen, mit zwei 
Propellern an jeder Tragfläche. Gemächlich schob es sich über die 
Horizontale bis das Brummen leiser wurde und die Maschine hinter 
der einen Mauer verschwand.
"Guten Tag, mein Herr", sagte die Fernsehfrau ohne dabei ihren 
Mund zu bewegen, "wir freuen uns, Sie hier an Bord begrüßen zu 
dürfen. Der Januar hat einunddreißig Tage, wir werden auf den 
Montagen zwischenlanden, Verpflegung und Treibstoff aufnehmen, 
bis wir etwa Anfang Februar unser Ziel erreichen. Es ist unser 
Bestreben, Ihnen den Flug, der Sie einiges kosten wird, so 
angenehm wie möglich zu gestalten. Bitte wenden Sie sich an 
unsere Stewardess, wenn Sie mit irgendetwas unzufrieden sein 
sollten. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit." Sie wandte ihre 
Augen von Herrn Korber ab, sah ihr Duplikat an und verschwand. 
Der Fernseher zeigte nun eine fruchtbare Landschaft aus der 
Vogelperspektive, man hätte fast glauben können, es handele sich 
dabei um ein Flugzeugfenster. Die Perspektive war perfekt in 
ihrer Räumlichkeit.
Eine frische Brise kam auf. Wie befremdlich, dachte Herr Korber, 
ich habe keinen Flug gebucht, ich kann mich nicht daran erinnern. 
Er drehte seinen Kopf wieder zu der Frau am Tisch. Das Zucken 
hatte aufgehört. Sie sah ihn an und lächelte breit. Herr Korber 
begann, sich auf ein langes Verweilen einzustellen.